Hagars Blog

Hagar musste mit 16 Jahren in der Türkei heiraten und lebt seit der Scheidung alleine mit ihren vier Kindern in Deutschland.
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Aber was ist Ehre?

Ich, Hagar, bin vor 35 Jahren in einem kleinen Dorf in der Türkei geboren worden. Zu jener Zeit war mein Vater schon als Arbeitsmigrant in Deutschland und meine 6 Geschwister, meine Mutter, meine Oma und ich lebten in Izmir. 11 Monate eines Jahres waren in meiner Kindheit wunderschön. Ich spielte mit meinen Freunden auf der Straße bis in den Abend hinein und hatte weder mit dem Haushalt oder meinen anderen Geschwistern viel zu tun. Nur wenn mein Vater, im August, aus Deutschland kam, war es nicht schön. Er war sehr aggressiv und schlug meine Mutter. Wir Kinder, besonders die Mädchen wurden in all ihren Freiheiten eingeschränkt. Mein Vater war sehr konservativ und islamisch geprägt. Für ihn war die Ehre sehr wichtig, so erzog er natürlich auch uns, vor allem meine beiden älteren Brüder...

Als ich sechs Jahre alt war, holte mein Vater mich, meine Mutter, meinebeiden Schwestern (16 und 15 Jahre), meine beiden Brüder (17 und 7 Jahre alt) nach Deutschland. Gewollt hat er das nicht, aber eine meiner Schwestern hatte einen Jungen angelacht, das seinen Ehrvorstellungen widersprach. Er konnte sie bei sich in Deutschland besser kontrollieren.

Es war sehr ungewohnt, aber dennoch schön. Die Umstellung auf das fremde Land fiel mir nicht schwer. Nach einem kurzen Kindergartenbesuch wurde ich eingeschult. Am Schwimmunterricht durfte ich erst dann teilnehmen, als meine Lehrerin mit meinem Vater unzählige Gespräche geführt hatte. Seiner Meinung nach konnte ein Mädchen nicht halb nackt vor den Jungs herumlaufen. Gewalt, Angst, Verbote (wir Mädchen durften überhaupt nicht rausgehen) und dem Mann hörig zu sein, wurde uns beigebracht und vorgelebt.

Wie schlimm muss es wohl für meine Mutter gewesen sein, zuschauen zu müssen, wie ihre Kinder Tag für Tag geschlagen werden. Wenn sie sich wie eine Schutzmauer, flehendvor uns stellte, schlug er sie auch. Für meinen Vater war sie die Versagerin. Denn wenn sie uns die Regeln meines Vaters ordentlich beibringen würde, müssten wir ja funktionieren. Im Gesicht meiner Mutter habe ich nur Trauer, Sorge und Angst gesehen und das machte mich damals unendlich traurig.

Wenn ich heute versuche mich an das kleine Mädchen und dessen Gefühle zurück zu erinnern, kann ich nur sagen, dass ich vor meinem Vater eine unheimlicheAngst hatte.Hass?Nein. Ich denke das kannte ich bis dahin noch gar nicht. Ich wusste nie, wann er wieder wütend wird undwann nicht. Die Regeln waren für mich nie eindeutig. Sicher wusste ich, ich durfte nicht gegen die Ehre der Familie verstoßen.

Aber was ist die „Ehre?" Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Das war für mich damals nicht eindeutig.

Als ich 8 Jahre alt wurde kamen meine Eltern bei einem Unfall ums Leben. Manche mögen jetzt wohl denken: „ Na dann ist sie den bösen Vater los." Doch Kinder lieben auch die schlimmsten Eltern und wollen eigentlich nur geliebt werden. Auch ich liebte meine Eltern! Vor allem meine Mutter, die ich bis heute verehre und vermisse.

Was danach folgte, war ebenso schlimm. Das Jugendamt entschied, dass die Geschwister im Elternhaus wohnen bleiben. Die Gründe mögen wohl finanzieller und pädagogischer Art gewesen sein. Ich weiß es nicht. Es klappte sojedenfalls nicht. Die älteste Schwester hatte uns, wegen eines Mannes, verlassen. Mein ältester Bruder kündigte seine Arbeit und zog in die Türkei und als dann meine andere Schwester ins Krankenhaus kam, blieben mein 9 jähriger Bruder und ich (8 Jahre) völlig hilflos in der elterlichen Wohnung zurück. Bis nach einiger Zeit das Jugendamt auftauchte und meinen Bruder und mich an die Hand nahm und in ein Heim brachte.

Bis ich 12 Jahre alt war, lebte ich dann in einem Heim. Anschließend musste ich bei meiner Schwester leben. Sie war 19 Jahre alt und hatte ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann. Sie sah in mir eine Konkurrentin und schickte mich in die Türkei. Dort lebte ich bei meiner Schwester und ihrem Mann, der mich schlug und mich öfter aus der Wohnung verwies. Die schwierige Situation zwang mich mit 16 Jahren in eine Ehe mit einem Mann, den ich kaum kannte.

Die kommenden Jahre wurden nicht einfacher. Aber das ist eine andere Geschichte...

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Kommentare 1

 
Gäste - funfactor am Montag, 21. September 2015 14:23
Hallo

ich wüsste echt gerne, wie es dir weiter ergangen ist!

Alles gute für dich!

ich wüsste echt gerne, wie es dir weiter ergangen ist! Alles gute für dich!
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Mittwoch, 28. Juni 2017

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