Lunas Blog

Hier bloggen Menschen, die Zwangsheirat erlebt haben oder davon bedroht sind.
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Ich haue ab!

Nun zum ernsteren Teil:

Mir wurde immer gesagt, dass ich das nicht darf, wirklich eindringlich, mein ganzes Leben lang. Aber jetzt war es doch passiert, ich hatte mich verliebt und wollte mit diesem Jungen zusammen sein. Ich war mir so sicher bei ihm, ich wollte es so gerne. Alles kam aber raus, dass ich erstens einen deutschen Freund hatte und zweitens keine Jungfrau mehr war...

Tja ich hatte keine Ahnung, wie meine Mutter reagieren würde. Ich sollte es sehr bald erfahren. Begeistert war sie nicht...ich bekam Hausarrest, um es mal nett auszudrücken, mir wurde...hmm... eigentlich alles verboten, ich durfte netterweise noch aus dem Fenster gucken, das war dann aber auch schon alles, was ich von der Außenwelt gesehen habe. In den nächsten Tagen und Wochen und schließlich Monaten.
In der ganzen Zeit haben mir meine Eltern alles an den Kopf geworfen: ich sei schlecht, doof, scheiße, ich solle sterben, ach na ja, all so was halt. Ich habe Schimpfwörter gesagt bekommen, die ich nie in meinem Leben gehört hatte, Wörter, die mich zutiefst verletzt haben. Jeden Abend das gleiche...eine Gehirnwäsche nach der anderen praktisch: deutsche Männer sind dies und das, wir wollen doch nur das Beste für dich und es ist die Familie, die ich jetzt zu schützen habe.
Meine Eltern bekunden, sie haben sich doch auch aufgeopfert für mich, sie haben mich erzogen, mir immer alle Wünsche erfüllt, jetzt solle ich mich doch revanchieren und das tun, was sie sagen. Ich, die eigentlich gar nicht mehr reden darf als Nicht-Jungfrau, müsse jetzt gehorsam sein. Sie seien ja so gütig gewesen und würden mich immer noch in ihrem Hause dulden. Alles sei jetzt egal, nur eines nicht: die Großfamilie darf nichts erfahren, sonst sei die Ehre befleckt. Ich solle mit meinem Freund Schluss machen und ihn vergessen PUNKT.

Ach ja, meine Mutter hatte auch noch die tolle Idee, dass ich zum Frauenarzt sollte, um mein Jungfernhäutchen wieder „annähen" zu lassen...Ich war mir schon damals zu hundert Prozent sicher, dass ich das nicht machen würde, eine Operation gegen meinen Willen, da hat es nicht gereicht, mir tausend Schuldgefühle zu machen, dafür war ich nicht bereit, mit meinem eigenen Körper so was machen zu lassen!!!

Mein Tagesplan sah so aus: Arbeiten und dann zu Hause sein, aber nicht in meinem Zimmer, sondern bei meiner Mutter, damit sie ihre Wut an mir auslassen und zusätzlich mich so seelisch unter Druck setzten kann, bis ich so fertig war, mich so schuldig gefühlt habe...
Ich war so schockiert, bis vor kurzem war die Welt noch in Ordnung und jetzt konnte ich weder meinen Freund, noch meine Freundinnen, noch irgendwen aus der Familie wenigstens sehen.

Eine ganze Weile später erst habe ich mich entschlossen, wegzulaufen. In der Zwischenzeit habe ich in einer anderen Stadt gelebt, in München, ich durfte zwar aus Kostengründen in einem Studentenwohnheim wohnen, also fern von der Familie, aber unter der Woche hatte ich keine Zeit, ich musste so viel für die Uni tun und am Wochenende musste ich immer nach Hause fahren, wo wieder alles von Neuem anfing, Gehirnwäsche, Schimpfwörter, sich-schlecht-fühlen. Das hat mich wirklich ermüdet.

Ich muss sagen, dass ich die ganze Zeit sehr von meinem Freund unterstützt wurde, rein seelisch meine ich, sonst hätte ich es kaum ausgehalten! Auch seine Eltern hatten immer ein offenes Ohr für mich.
Ich konnte trotzdem nicht normal leben, ich wusste, dass meine Eltern mir nie verzeihen würden, diese Gehirnwäsche wahrscheinlich ewig so weitergehen würde, vielleicht auch noch, wenn ich verheiratetet wäre. Ich konnte es nicht mehr aushalten, immer diese seelische Gewalt.

Schließlich kam heraus, dass ich immer noch mit meinem Freund zusammen war. Diesmal war es noch eine Stufe härter, falls das überhaupt noch möglich war. Ich wurde zu Hause festgehalten, durfte nur mit meinen Eltern oder meinem Bruder raus. Bei allen anderen Sachen wurde ich stets kontrolliert, belauscht und alles Mögliche. Jetzt durfte ich mir jeden Tag alles Mögliche von meiner Mutter anhören.

Vorher waren es wenigstens nur die Wochenenden oder nur die Abende, aber jetzt ging es die ganze Zeit so. Es war die schrecklichste Zeit in meinem ganzen Leben. Ehrlich gesagt, hatte ich in der Zeit auch Angst um mein Leben, denn ich weigerte mich, mit meinem Freund Schluss zu machen.

Ich war doch immer ein lebensfroher Mensch und stets bemüht, frei zu sein. Hätte ich mich gebeugt, wäre mir genau das weggenommen worden. Frei wäre ich keinesfalls, mein Vater wollte, dass ich jemanden aus Mazedonien heirate, da sie kein Vertrauen mehr hatten zu mir. Sie drohten mir damit, dass ich für immer zu Hause eingesperrt sein würde, wenn ich den nicht heirate. Ich wusste nicht, wie ernst ich das nehmen sollte, aber eines war klar: ich wollte studieren und ich hatte auch das Recht dazu.

Natürlich bin ich meinen Eltern dankbar dafür, dass ich so eine schöne Kindheit hatte, dass ich eigentlich ein gutes Leben hatte. Naja... aber deswegen kann ich mich ihnen nicht unterwerfen, ich habe doch mein eigenes Leben und auch das Recht, selber Entscheidungen zu treffen, habe ich mir immer wieder gesagt. Und ich wollte nicht heiraten, Kinder bekommen und alles tun, was meine Familie will. Ich wollte so sein, wie ich nun mal bin! Und wenn man mich nicht so akzeptierte, dann gehörte ich hier auch nicht hin.
Ausschlaggebend für das Abhauen war also die Drohung, mich umzubringen, wenn ich nicht den aus Mazedonien heirate, aber zunächst würden sie mich einsperren. Wahrscheinlich dachten sie sich, dass sie einfach so lange auf mich einreden, bis ich so erschöpft sei, dass ich einfach nachgegeben hätte.
Aber im letzten Moment - und mein Freund hat mir immer wieder Mut gemacht - bin ich abgehauen und habe bei einer guten Freundin gelebt in München. Dafür bin ich auch sehr dankbar, ich konnte so lange bleiben wie ich will, meine Familie kannte sie gar nicht, ehrlich gesagt kannte ich sie auch kaum, wir hatten uns erst vor 2 Monaten kennen gelernt. Aber sie war so verständnisvoll und hat mich stets unterstützt.

Ich hatte tierische Angst, dass meine Familie mich findet, mich wieder einsperrt. Ein weiteres Mal hätte ich nicht den Mut gehabt abzuhauen.
Es tat sehr gut, mit Leuten darüber zu reden, mit meiner besten Freundin, meiner Freundin aus München, mit meinem Freund und seinen Eltern und schließlich auch mit TERRE DES FEMMES. Ich war so glücklich, dass mir sofort zurückgeschrieben wurde und mir immer zugehört wurde. Man hat mich ernst genommen und versucht, zu unterstützen. Man konnte mich verstehen und nun ja, ich war zunächst skeptisch, ob ich denn einer fremden Person, die meine Familie doch gar nicht kennt und mich erst recht nicht, einfach so alles erzählen konnte. Aber ich muss sagen, es war sehr hilfreich, genau so einer Person, einer Außenstehenden, alles zu erzählen.

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Kommentare 2

 
Gäste - Tuba am Montag, 28. Juli 2014 16:59
von Tuba

hi luna,

bei mir ist es das gegenteil... meine eltern sind gelegenheits kulturell und gelegenheits religiös... sie sagen ich darf raus - aber mit wem? nur frauen - die noch nie einen freund hatten... ich bin neunzehn, also meine meisten freunde WAREN älter als ich.

ich habe leider keine freunde mehr, da ich nie wirklich eine freundschaftliche beziehung aufbauen konnte...

naja so großes möchte ich nicht erzählen...

jedenfalls möchte ich auch studieren und mich weiterbilden
und dein text macht meinen mut nur stärker!
ich finde es sehr schön von dir das du ein beispiel gibst
und abgewogen hast - die "geborgene" & -schlechte seite deiner situation.

viele grüße

hi luna, bei mir ist es das gegenteil... meine eltern sind gelegenheits kulturell und gelegenheits religiös... sie sagen ich darf raus - aber mit wem? nur frauen - die noch nie einen freund hatten... ich bin neunzehn, also meine meisten freunde WAREN älter als ich. ich habe leider keine freunde mehr, da ich nie wirklich eine freundschaftliche beziehung aufbauen konnte... naja so großes möchte ich nicht erzählen... jedenfalls möchte ich auch studieren und mich weiterbilden und dein text macht meinen mut nur stärker! ich finde es sehr schön von dir das du ein beispiel gibst und abgewogen hast - die "geborgene" & -schlechte seite deiner situation. viele grüße
Gäste - mati am Freitag, 28. August 2015 17:07
von mati

Ein großes Lob an Dich, dass Du dich getraut hast diesen Schritt zu wagen!
Bei mir ist es ähnlich abgelaufen.

Ein großes Lob an Dich, dass Du dich getraut hast diesen Schritt zu wagen! Bei mir ist es ähnlich abgelaufen.
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Dienstag, 22. August 2017

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